Was Sword and Sorcery für mich bedeutet

„Barbarians of Lemuria ist ein heroisches Rollenspiel vor dem Hintergrund des Sword & Sorcery-Genres.“ (aus dem Regelwerk) Die Regeln, mit denen sich natürlich auch andere Arten der Fantasy bespielen oder Ausflüge in Science Fiction, Horror oder den zweiten Weltkrieg unternehmen lassen, sind auf Sword and Sorcery zurechtgeschnitten und dafür besonders geeignet. Doch um das voll ausnutzen zu können, müssen sich die Spieler einig sein, was sie unter dem Begriff verstehen. Denn wir haben es mit einem Teilgenre der Heroic Fantasy zu tun und dadurch steht oder fällt alles mit den Helden der Geschichte. Und diese werden von den Spielern verkörpert.

Das Regelwerk liefert dazu etwa eine Seite Information über das Genre. Der Beitrag ist weder schlecht, noch inhaltlich falsch. Doch wie meine Erfahrung zeigt, reicht er nicht, um alles zu verdeutlichen, was für mich persönlich zum Genre gehört. Sword and Sorcery zu lesen ist natürlich ein sehr guter Weg, um ein Gefühl dafür zu entwickeln. Auch die Filme und Comics sind ein gutes Mittel, um sich mit der Art der Geschichten und der Helden auseinanderzusetzen. Bei Babarians of Lemuria finde ich es durchaus lohnend auf Szenen hinzuarbeiten, die auf der großen Leinwand verdammt beeindruckend wären oder denen ein Comiczeichner eine halbe Seite oder mehr widmen würde. Und ich habe Spieler erlebt, die mit dem Genre zuvor wenig zu tun hatten, die sich aber von der Stimmung anstecken ließen und sofort in ihrem Element waren. Diese kommen auch ohne einen Beitrag wie diesen bestens zurecht.

Wem die Einführung des Regelwerkes zu dürftig ist, kann ich nur empfehlen über den Tellerrand zu blicken. Die Genrebetrachtung von Malmsturm, einem wirklich tollen Sword & Sorcery-Setting für Fate Core, das zudem aus Deutschland kommt, ist wohl der beste Artikel zum Thema, der mir in meiner Muttersprache untergekommen ist. Ansonsten lande ich immer wieder bei „The Demarcation of Sword and Sorcery“, einem Beitrag der sich damit befasst worin sich das enger gefasste Teilgenre Sword & Sorcery von der übrigen Heroic Fantasy unterscheidet. Und auch den Artikel „The Sword and Sorcery Rosetta Stone“ finde ich wirklich gut. Was ist Sword and Sorcery? Eine klare und eindeutige Definition des Begriffes kann ich nicht liefern und vieles von dem, was ich zu sagen versuche, wird an die genannten Artikel erinnern. Und nun versuche ich mich in dem Bewusstsein, dass es zu Genreabgrenzungen immer viele Meinungen gibt, daran in Worte zu fassen, was Sword and Sorcery für mich bedeutet:

Betrachtet man den Begriff steht Sword, das Schwert, an erster Stelle. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Und wenn doch, dann ist es ein passender Zufall. Das Schwert spielt die Hauptrolle und die meisten Geschichten des Genres würden auch als Historienabenteuer weitgehend funktionieren. Tatsächlich waren manche in ihrer ursprünglichen Fassung Historienabenteuer und Robert Ervin Howards Geschichten um Kull und Conan, mit denen alles begann, waren streng genommen in keiner Fantasywelt angesiedelt, sondern in einer fernen Vergangenheit vor Beginn der heutigen Geschichtsschreibung. Der Mann wusste, wie man Abenteuergeschichten schreibt: Western, Boxergeschichten, Historienabenteuer, ein breites Spektrum. Er hat diese Geschichten an die Pulp-Magazine seiner Zeit verkauft und wurde pro Wort bezahlt. Ein historischer Hintergrund will gut recherchiert sein, ansonsten gibt es immer jemanden, der einen nur zu gern auf wirkliche oder vermeintliche Widersprüche hinweist. Sein hyperboreanisches Zeitalter war also eher ein Kunstkniff, weil er es sich nicht leisten konnte für jede Geschichte lange nachzuforschen. Auch wenn er das gerne getan hätte. Außerdem konnte er so historische Elemente, die er gerade interessant fand, mischen. Selbst wenn sie in der Realität durch Jahrhunderte und/oder Kontinente getrennt waren.

Aber das Schwert ist nur die Grundzutat für das Gericht. Ohne die Würze schmeckt sie nicht nach Sword & Sorcery. Häufig wird dieser Begriff als Schwert & Magie übersetzt, aber ich finde, dass Magie zu freundlich klingt. Hexerei trifft es eher. Wobei wir uns nicht darauf beschränken müssen. Auch andere übernatürliche Elemente eignen sich hervorragend dazu den typischen Sword and Sorcery-Geschmack zu hinzubekommen. Es kann, muss aber nicht, sehr sparsam damit umgegangen werden. Einzelne Abenteuer eines genretypischen Helden kommen vielleicht auch mal ganz ohne das Übernatürliche aus. In der Regel wird man aber zumindest eine Prise Hexerei, dämonische Kräfte, kosmischen Horror oder Voodoozauber vorfinden.

Meist ist die Magie dabei eher etwas gegen das die Helden kämpfen und weniger etwas, das sie für sich und ihre Zwecke nutzen. Doch was ist eine Regel ohne Ausnahmen? Manche Helden beherrschen selbst Magie, manche nutzen sie sogar, manche machen das sehr regelmäßig… Und oft genug tauchen auch magisch begabte Hilfscharaktere auf.

Ist das nun das Geheimnis der Genres? Man nehme ein Gladiator, der einen Sklavenaufstand anzettelt um zu entkommen, und füge Sklavenjäger mit halbdämonischen Bluthunden hinzu, die Jagd auf ihn machen. Nun, daraus kann Sword and Sorcery werden.

Man nehme den Rapier fechtenden, letzten Überlebenden einer Adelsfamilie, der an einem Grafen Rache üben will, und füge einen üblen Hexenmeister hinzu, der den Grafen, der für den Tod der Familie verantwortlich zu sein schien, als Spielball in seinem fiesen Plan nutzte. Auch daraus kann Sword and Sorcery werden. Doch auch die Helden und der Erzählstil müssen noch ins Genre passen.

Wichtige Eigenschaften, die ich sehr schätze, liegen wohl in dem Medium, in dem sich das Genre entwickelt hat, begründet: Dem Pulp Magazin vor allem in den Jahren zwischen den Weltkriegen. Ein Leser hatte ein Heft vor sich, das mehrere Kurzgeschichten enthielt, und jeder Autor wollte, dass seine Werke gelesen werden. Die Erzählungen mussten also von der ersten bis zur letzten Seite interessant und spannend sein. Das führte zu Geschichten ohne langatmige Passagen oder erzählerische Ausschweifungen, die die Handlung in den Hintergrund treten lassen. Es passiert ständig etwas und das vor möglichst packendem Hintergrund. Die Kämpfe sind schnell und brutal, die Landschaften atemberaubend, die Gegner fies und verkommen, die Frauen exotisch, erotisch und aufregend, die Taten fast übermenschlich. Diese Erzählungen sollen und wollen unterhalten. Und zumindest bei mir erreichen sie dieses Ziel.

Außerdem hat man es meist mit abgeschlossenen Abenteuern von überschaubarer Länge zu tun. Denn neue Leser des Magazins sollten sich schnell in den Geschichten zurechtfinden. Auch wenn dafür auf große, weltverändernde Plots über 70 Ausgaben hinweg verzichtet werden musste. Was natürlich nicht heißt, dass die lose Verknüpften Erlebnisse des Helden nicht auf ein großes Ziel hinführen dürfen.

Das Schöne daran ist die Möglichkeit über einen Helden des Genres zu lesen, ohne befürchten zu müssen, in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren 900 Seiten bewältigen zu müssen, wenn man nicht das Gefühl haben will, dass einem ein wesentlicher Teil den Ganzen fehlt. Es ist nicht nötig die Geschichten in chronologischer Reihenfolge lesen. Sie wurden auch nicht zwingend in irgendeiner sinnvollen Reihenfolge geschrieben. Man kann also ganz einfach mit dem Buch, das man zufällig auf einem Bücherflohmarkt gefunden hat, beginnen. Vielleicht weckt es die Lust darauf herauszufinden was der Held davor oder danach erlebt hat. Ansonsten lässt man es eben bleiben.

Für mich gehört es zu einer guten Sword & Sorcery-Geschichte dazu, dass ich darin alle Informationen finde, die ich brauche, um sie genießen zu können. Das bedeutet natürlich auch, dass der Hintergrund der Welt und des Helden nicht unendlich komplex sein kann. Wenn in jeder Erzählung auf 120 Seiten die Vorgeschichte des Helden wiederholt werden muss, dann ist es wohl kein Sword & Sorcery-Held. Denn sonst ließe sich das Wichtigste in wenigen kurzen und prägnanten Sätzen ausdrücken. „Hither came Conan, the Cimmerian, black-haired, sullen-eyed, sword in hand, a thief, a reaver, a slayer, with gigantic melancholies and gigantic mirth, to tread the jeweled thrones of the Earth under his sandaled feet.” (Robert E. Howard, The Phoenix on the Sword, 1932) In diesem Genre ist es in Ordnung mit Klischees zu arbeiten und den Erwartungen des Lesers gerecht zu werden. Oder eben gerade mit diesen Klischees zu spielen und den Leser damit zu überraschen.

Die Helden sind, wie Joseph A. McCullough V in „The Demarcation of Sword and Sorcery“ schreibt, eigenmotivierte Außenseiter von heroischer Statur. Und dass man sie überhaupt als Helden bezeichnen kann, liegt an dem breiten Spektrum, das der Begriff abdeckt. Mit heroischer Statur ist gemeint, dass sie Leute der Tat sind. Es lassen sich einige muskelbepackte Barbaren aufzählen, doch auch kleine, schlitzohrige Schurken, deren schnelle Klingen und Zungen gleichermaßen scharf sind, verbannte Adelige und starke Frauen lassen sich finden. Letztere führte spätestens C.L. Moore in der Mitte der dreißiger Jahre, also noch in den Kindertagen des Genres, mit Jirel of Joiry ein. Diese Helden treiben die Handlung voran und die Handlung muss getrieben werden, denn wie oben erwähnt, verzeiht Sword and Sorcery keine langatmigen Passagen. Sie suchen das Abenteuer oder gehen ihm zumindest nicht aus dem Weg und sie gehören zu dem Menschenschlag, bei dem das Abenteuer ohnehin regelmäßig an die Tür klopft. Sie sind zielstrebig, direkt, stur und hören gerne mal auf ihren Instinkt oder ihr Bauchgefühl. Sie tun was getan werden muss, ohne sich selbst durch lange Planungsphasen zu lähmen. Und oft genug ist entschiedenes Vorgehen die beste Waffe gegen verderbte Magie, die langer Vorbereitung bedarf.

Darüber hinaus sind sie findig und gut in dem was sie tun. Es werden weniger Geschichten über den Werdegang von Helden, als Geschichten über Leute, die bereits Helden sind, erzählt. Man muss sich selten Sorgen um die Protagonisten machen, denn man kann Figuren, die beim Leser ankommen, viele Erlebnisse andichten, aber man kann sie nicht öfter als einmal sterben lassen. Häufig sind die Hauptdarsteller sehr vielseitig, weil sie sich dann für ein breiteres Spektrum an Geschichten eignen: Mal als Pirat, mal als Räuber, mal als Soldat und mal als gewandter Fassadenkletterer. Außerdem ist das eine gute Möglichkeit dem Leser mit wenigen Worten ein Bild des Helden zu zeichnen. „Er war ein Korsar entlang der Feuerküste, ein Wegelagerer, der es auf die Karawanen zwischen Halakh und Malakut abgesehen hatte und ein Krieger im Dienste des Königs von Satarla. Nun hat ein sagenhaftes Juwel im höchsten Turm Lysors sein Interesse geweckt.“

Die Rolle als Außenseiter in der Gesellschaft bzw. Zivilisation, die der Barbar per Definition erfüllt, ist ebenfalls wichtig. Dadurch kann er einerseits gemeinsam mit dem Leser über die Fremdartigkeit des exotischen Hintergrundes staunen, andererseits ist er nicht an die gleichen moralischen Vorstellungen wie seine Mitmenschen gebunden. Er ist frei das zu tun, was er für richtig hält. Er bildet sich selbst ein Urteil und wendet dabei Maßstäbe an, die befremdlich oder gar unmoralisch wirken können. Und oft wirkt er gerade deshalb oft angenehmer, als die korrupte Welt, die ihn umgibt. Das Genre braucht Querulanten und Rebellen, jemanden der nicht zur Gesellschaft gehört oder der durch das Raster der Gesellschaft gefallen ist. Mit einem braven Bürger, der den Erwartungen, die an ihn gerichtet werden, entspricht, funktionieren die Geschichten nicht.

Außerdem ist der Held eigenmotiviert. Er mag die richtigen Dinge tun, aber nicht weil sie richtig sind und er sich dazu berufen fühlt. Er ist nur sich selbst treu und das bis hin zur Besessenheit. Er ist jung, mal wieder pleite, und braucht das Geld, eine schöne Frau lockt mit ihren Versprechungen, ihm ist einfach nur langweilig, die Abenteuerlust hat ihn gepackt oder er kennt jemanden, der seine Hilfe benötigt, ganz persönlich. Es ist kein Genre der strahlenden Helden. Ihre Taten mögen übermenschlich sein, ihr Charakter hingegen ist eher fragwürdig. Es sind Männer und Frauen mit Fehlern, Begierden und Gelüsten, die sich nicht verbiegen, um diese zu unterdrücken oder zu verbergen. Es sind Helden die menscheln und mit denen man gerade deshalb mitfiebern kann. Und dieser Art sollten auch die Spielercharaktere sein, wenn man wirklich Sword and Sorcery spielen will.

Vieles, was ich schreibe, ist (zumindest in meinen Augen) typisch, aber nicht unbedingt universell richtig. Jedes Genre hat Ränder und Überlappungen mit anderen Arten der Literatur. Und bei den dort angesiedelten Werken kann man sich lange und ergebnislos streiten, ob sie nun hierhin oder dorthin gehören. Wer schon weiß was er will und wer sich gerne in einer dieser Randregionen aufhält, der kann und soll das gerne tun. Für den Einsteiger allerdings, so finde ich ganz persönlich, gibt es schlechtere Leitfäden als diesen.

Autor: siebenaug

Freizeitphantast und Gelegenheitsblogger

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